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Bauen mit Erde – vom deutschen Fachwerk zum ecuadorianischen Bahareque

Writer: Jasmina
Jasmina
6 days ago
4 min read

Traditionelle Bautechniken und ihre Bedeutung für eine zeitgemäße Architektur

1. Erde – ein Baustoff mit jahrtausendealter Geschichte

Erde gehört zu den ältesten Baumaterialien der Menschheit. Schon vor mehr als 10.000 Jahren nutzten Menschen diesen natürlichen Rohstoff, um einfache Behausungen und Schutzräume zu errichten. Archäologische Funde im heutigen Syrien zeigen, wie weit diese Bautradition zurückreicht.

Was wir heute im Zusammenhang mit nachhaltiger Architektur wiederentdecken, ist also keineswegs neu. Vielmehr greifen wir auf ein Wissen zurück, das über viele Generationen weitergegeben und an unterschiedliche Lebensräume und klimatische Bedingungen angepasst wurde.

Dabei haben sich weltweit ganz verschiedene Bauweisen entwickelt. In Lateinamerika begegnen uns beispielsweise Adobe, luftgetrocknete Lehmziegel, Tapia, massive Wände aus verdichteter Erde, und Bahareque, eine traditionelle Konstruktion aus Holz oder Bambus und Lehm.

So unterschiedlich diese Techniken auch sind, eines verbindet sie: die Verwendung natürlicher, häufig direkt vor Ort verfügbarer Materialien.

Gerade heute, wo nachhaltiges Bauen immer wichtiger wird, lohnt es sich, diese traditionellen Techniken genauer zu betrachten. Denn sie zeigen, wie sich jahrhundertealtes Bauwissen mit den Anforderungen zeitgemäßer Architektur verbinden lässt.


Wissenschaftlicher Hintergrund: Die historische Einordnung stützt sich auf die Untersuchung früher Lehmbauweisen am Fundort Tell Qaramel in Syrien: Białowarczuk, M. (2026). The Oldest Earthen Construction Techniques and Their Variants in Early Neolithic Wall Construction in the Northern Levant. Journal of Field Archaeology. DOI: https://doi.org/10.1080/00934690.2026.2660464


Fotos: © Nico Schaffron // Architekturpläne: © Jasmina Lips


2. Traditionelle Lehmbauweisen – Adobe, Tapia und Bahareque

Wer durch die historischen Städte und ländlichen Regionen Lateinamerikas reist, begegnet vielerorts einer Architektur, die eng mit den natürlichen Materialien ihrer Umgebung verbunden ist. Besonders in den Anden haben sich über Jahrhunderte unterschiedliche Bauweisen mit Erde entwickelt.

Drei davon sind Adobe, Tapia und Bahareque. Sie unterscheiden sich in ihrer Konstruktion, haben aber eines gemeinsam: Sie nutzen Materialien, die häufig direkt aus der jeweiligen Region stammen.


Adobe – traditionelle Lehmziegel der Anden

Adobe gehört zu den bekanntesten traditionellen Bauweisen Lateinamerikas. Besonders in den Andenregionen von Peru, Bolivien und Ecuador prägen Gebäude aus ungebrannten Lehmziegeln bis heute das Bild vieler historischer Orte.

Für die Herstellung werden lehmhaltige Erde, Wasser und häufig pflanzliche Fasern wie Stroh miteinander vermischt. Die daraus geformten Ziegel trocknen an der Luft und werden anschließend zu massiven Wänden vermauert.

Durch ihre Masse können Adobe-Wände Wärme speichern und zeitversetzt wieder abgeben. Gerade in den Anden, wo die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht erheblich sein können, ist diese Eigenschaft von Bedeutung.


Tapia – massive Wände aus verdichteter Erde

Auch die Tapia-Bauweise, bei uns als Stampflehm bekannt, besitzt in Lateinamerika eine lange Tradition. Sie findet sich unter anderem in historischen Gebäuden Kolumbiens, Ecuadors und anderer Andenländer.

Anders als bei Adobe werden hier keine einzelnen Ziegel hergestellt. Stattdessen wird erdfeuchtes Material schichtweise in eine Schalung eingebracht und verdichtet.

So entstehen massive Wände, deren natürliche Farbnuancen und horizontale Schichten oft sichtbar bleiben.

Neben ihren bauphysikalischen Eigenschaften besitzt diese Technik eine besondere gestalterische Qualität: Die Erde selbst wird zum sichtbaren Ausdruck der Architektur.


Bahareque – Bauen mit Holz, Bambus und Lehm

Bahareque ist eine traditionelle Bauweise, die in verschiedenen Regionen Lateinamerikas verbreitet ist, insbesondere in Kolumbien und Ecuador. Im Unterschied zu Adobe und Tapia besteht die Wand hier nicht hauptsächlich aus massiver Erde. Stattdessen bildet eine Konstruktion aus Holz oder Bambus das tragende Gerüst. Zwischen den konstruktiven Elementen werden Stäbe oder Flechtwerk angebracht, auf die eine Mischung aus Erde und häufig pflanzlichen Fasern aufgetragen wird. Die Fasern helfen, Schwindrisse beim Trocknen zu reduzieren. Das Holz- oder Bambusgerüst übernimmt die tragende Funktion und verleiht der Konstruktion eine gewisse Verformungsfähigkeit. In Regionen, in denen Bambusarten wie Guadua wachsen, kann dieses Material eine wichtige Rolle spielen. So entsteht eine vergleichsweise leichte Konstruktion, die sich an unterschiedliche klimatische und örtliche Bedingungen anpassen lässt.


3. Vom deutschen Fachwerk zum ecuadorianischen Bahareque

Als gebürtige Sachsen-Anhalterin erinnert mich die traditionelle Bahareque-Bauweise an eine Architektur, die ich aus meiner Heimat kenne: das deutsche Fachwerk. Besonders eindrucksvoll lässt sich diese jahrhundertealte Baukunst in Quedlinburg erleben. Die historische Altstadt mit ihren zahlreichen Fachwerkhäusern gehört seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Obwohl sich das deutsche Fachwerk und der lateinamerikanische Bahareque in ihrer konstruktiven Ausführung unterscheiden, verbindet sie ein grundlegendes Prinzip: Eine tragende Holzstruktur wird durch nichttragende Wandfüllungen ergänzt, für die traditionell auch Lehm verwendet wird. Mich fasziniert dieser Zusammenhang besonders. Zwei geografisch weit voneinander entfernte Regionen haben über Generationen hinweg Bauweisen entwickelt, die auf ähnlichen konstruktiven Überlegungen und der Verwendung lokal verfügbarer Materialien beruhen.

In Ecuador begegnet mir dieses traditionelle Bauwissen heute in einer anderen kulturellen und klimatischen Umgebung wieder. Und genau hier beginnt die Geschichte eines Architekturprojekts, bei dem ich 2022 die Gelegenheit hatte, diese traditionelle Bautechnik in einem zeitgemäßen Entwurf einzusetzen.

 

4. Infinity Chamber – traditioneller Lehmbau in einem zeitgemäßen Architekturprojekt

Im Jahr 2022 hatte ich die Gelegenheit, die traditionelle Bahareque-Bauweise bei einem eigenen Architekturprojekt in Ecuador einzusetzen: der Infinity Chamber in Masanamaca, einem kleinen Ort in der Gemeinde Yangana im Süden des Landes. Das Gebäude wurde als Rückzugsort für sogenannte Dark Retreats konzipiert – Aufenthalte in vollständiger Dunkelheit, die der bewussten Abkehr von äußeren Reizen dienen.

Eine besondere Herausforderung bei der Planung war die Lage. Das Gelände fällt steil ab und erforderte eine Konstruktion, die sich an die natürlichen Gegebenheiten anpasst. Anstatt das Gelände großflächig zu verändern, wurde das Gebäude auf einer Stahlbetonkonstruktion gegründet und teilweise über dem Hang angeordnet. Dadurch konnte die natürliche Geländeform weitgehend berücksichtigt werden. Für die Wände entschieden wir uns für eine Kombination aus einem massiven Sockel und der traditionellen Bahareque-Bauweise. Der untere Wandbereich wurde bis zu einer Höhe von etwa 50 Zentimetern aus Stein, Zement und Bewehrungsstahl ausgeführt. Darüber entstand die eigentliche Bahareque-Konstruktion aus Guadua-Bambus und einer erdhaltigen Mischung. Diese Kombination hatte einen praktischen Hintergrund: Während der massive Sockel den empfindlicheren Lehmbau vom unmittelbaren Bodenbereich trennt, ermöglicht die darüberliegende Konstruktion eine vergleichsweise leichte Bauweise.Auch bei der Materialwahl spielte die jeweilige Funktion eine Rolle. So wurde beispielsweise der Badezimmerbereich mit gebrannten Ziegeln ausgeführt, während in anderen Bereichen natürliche Materialien wie Lehm und Bambus zum Einsatz kamen.

Für mich war dieses Projekt eine Gelegenheit, traditionelle Bautechniken nicht nur aus historischer Perspektive zu betrachten, sondern sie ganz konkret in einen zeitgemäßen Entwurf einzubinden. Gerade die Verbindung unterschiedlicher Materialien zeigt, dass nachhaltiges Bauen nicht unbedingt bedeutet, ausschließlich auf traditionelle Techniken zurückzugreifen. Vielmehr geht es darum, ihre Eigenschaften zu verstehen und sie dort einzusetzen, wo sie konstruktiv und funktional sinnvoll sind.


Vielen Dank, liebe Serena und Nicolas! Euer Vertrauen in traditionelle Bauweisen und in meine Arbeit hat dieses Projekt überhaupt erst möglich gemacht.Besonders bedanken möchte ich mich auch bei Maestro Marcelo Romero aus San Pedro de Vilcabamba. Sein handwerkliches Können und sein Wissen über traditionelle Bautechniken waren entscheidend für die Umsetzung dieses Projekts.

 
 
 

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Living Landscapes: Ecuador

A visual diary of the places, plants, and moments that inspire me

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